Venice Classics 2026: Warum restaurierte Filmklassiker in Venedig mehr sind als Nostalgie
Die Venice Classics 2026 zeigen 19 restaurierte Filme und machen Filmgeschichte fuer ein heutiges Publikum neu lesbar.
Die Venice Classics 2026 zeigen, wie lebendig Filmgeschichte sein kann: 19 restaurierte Werke, grosse Namen wie Ernst Lubitsch, John Cassavetes, Roberto Rossellini und Andrzej Wajda sowie Wiederentdeckungen aus Europa und darueber hinaus. Die Reihe macht deutlich, dass Restaurierungen nicht nur Archivarbeit sind, sondern Filme fuer ein heutiges Publikum neu lesbar machen.
Das Filmfestival von Venedig blickt 2026 nicht nur auf neue Premieren, Stars und Wettbewerbsfilme. Mit der Reihe Venice Classics rueckt die 83. Ausgabe auch restaurierte Filmgeschichte ins Zentrum. Laut La Biennale di Venezia umfasst die diesjaehrige Auswahl 19 restaurierte Filme, die in den vergangenen Monaten von Archiven, Kinematheken, Institutionen und Produktionspartnern weltweit neu aufbereitet wurden.
Photo: Baseluna014, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons]
Die Sektion ist damit mehr als ein nostalgischer Blick zurueck. Sie zeigt, wie stark Festivals heute auch als Orte der Bewahrung funktionieren. Wenn Klassiker neu restauriert werden, geht es nicht nur um bessere Bild- und Tonqualitaet, sondern auch darum, Filme wieder sichtbar zu machen, die lange schwer zugaenglich waren oder deren Bedeutung neu gelesen werden kann.
Gerade bei aelteren Filmen veraendert eine Restaurierung oft den ersten Eindruck. Farben, Kontraste, Tonspuren und Bilddetails koennen naeher an die urspruengliche Wirkung heranruecken. Gleichzeitig entsteht ein neuer Kontext: Ein Film, der frueher als Skandal, Randnotiz oder Geheimtipp galt, kann Jahrzehnte spaeter anders gelesen werden.
Bekannte Namen und neue Blickwinkel
Fuer deutsche und mitteleuropaeische Filmfans ist die Auswahl besonders spannend, weil sie mehrere bekannte Namen und einige starke Wiederentdeckungen verbindet. Zu den prominentesten Titeln gehoert Ernst Lubitschs To Be or Not to Be. Lubitsch drehte die Satire 1942 in den USA, doch seine Filmgeschichte ist eng mit dem deutschsprachigen Kino verbunden.
Auch John Cassavetes ist vertreten. Minnie and Moskowitz bringt amerikanisches Independent-Kino in die Reihe, also eine andere Energie als das klassische Studiokino. Cassavetes steht fuer ein Kino, das rauer, unmittelbarer und staerker an Figuren interessiert ist. Roberto Rossellinis Viaggio in Italia ist ein weiterer Titel, der in einem Venice-Classics-Programm fast programmatisch wirkt. Rossellinis Film gehoert zu jenen Werken, die oft als Schluessel fuer modernes europaeisches Kino gelesen werden.
Photo: Jean-Pierre Dalbera, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons]
Einen starken osteuropaeischen Akzent setzt Andrzej Wajdas Ashes and Diamonds. Fuer ein deutsches Publikum kann dieser Titel besonders interessant sein, weil er politische Geschichte, Nachkriegskino und die polnische Filmtradition zusammenfuehrt. Aus mitteleuropaeischer Sicht faellt ausserdem Valerie and Her Week of Wonders von Jaromil Jires auf. Der tschechische Film ist seit Jahrzehnten ein Sonderfall zwischen Maerchen, Coming-of-Age, surrealem Kino und dunkler Fantasie.
Warum Restaurierungen mehr sind als Nostalgie
Die Venice Classics 2026 beginnen ausserdem mit einem besonderen Signal. Deadly Sweet von Tinto Brass ist als Pre-Opening-Film vorgesehen. Damit wird ein Werk aus dem italienischen Kino der spaeten 1960er Jahre prominent vorangestellt, bevor das Festival offiziell in seine Haupttage startet.
Geleitet wird die Jury der Filmstudierenden in diesem Jahr von Daniele Vicari. Diese Jury vergibt die Preise der Venice-Classics-Wettbewerbe. Auch das ist ein interessanter Gedanke: Ueber restaurierte Filme entscheiden nicht nur etablierte Kritiker oder Archivexperten, sondern junge Menschen, die Filmgeschichte aus einer anderen Gegenwart heraus betrachten.
Die 83. Ausgabe des Venice International Film Festival findet vom 2. bis 12. September 2026 auf dem Lido statt. Die Venice Classics sind dabei ein ruhigerer, aber wichtiger Teil des Programms. Sie erinnern daran, dass ein Festival nicht nur die Zukunft des Kinos zeigen kann. Es kann auch sichtbar machen, welche Filme aus der Vergangenheit noch nicht fertig mit uns sind.
Quellen
La Biennale di Venezia: Venice Classics restored films 2026
La Biennale di Venezia: Cinema 2026
La Biennale di Venezia: Deadly Sweet as pre-opening film
David Krabec